Der analoge Tag

Heutzutage ist ein analoger Tag nicht mehr vorstellbar. Zumindest wenn man die erste Mondlandung nur aus Erzählungen kennt und das erste Auto in dem man als Kind mitfuhr, schon Anschnallgurte und Airbags hatte. Der morgenliche Gang zum Emailbriefkasten und das Aufsaugen von Informationen, die sich über Nacht aktualisiert haben oder neu hinzugekommen sind, gehört genauso dazu wie die Möglichkeit, mit jedem „Freund“ Kontakt aufzunehmen. Wenn man möchte. Allein die Tatsache beruhigt.

Aber es kann auch Angst machen. Was, wenn ich nicht wissen möchte, ob mein „Freund“, den ich vor fünfzehn Jahren auf dem Schulklo das letzte Mal sah, wieder irgendeine blöde Punktzahl bei Farmville erreicht hat, und das mir in Facebook mitteilen möchte? Ich kann ihm nicht einfach die „Freundschaft“ kündigen. Das würde er mir übel nehmen. Ich kann ihn aber auch nicht ignorieren. Weder gedanklich noch tatsächlich, denn Facebook möchte, dass ich sehe was meine „Freunde“ spielen. Es denkt, dass es mich auch bekommt. Früher oder später. Facebook ist geduldig.

Und ich bin rebellisch. Ein ganz analoger Tag? Wieso nicht. Kein Computer, kein Handy. Kein Farmville, keine falschen Freunde. Doch ist der Toaster auch digital? Nein- als ich ihn auseinandernehme, erkenne ich es. Doch nicht alles, was analog aussieht, ist es auch wirklich. Meine Uhr hat Zeiger, doch auch in ihr wohnt ein kleiner Mark Zuckerberg (Facebook-Gründer). Und in meiner Kaffeemaschine? In meinem Auto? Was ist mit meiner Waschmaschine?

Sie sind überall. Als ich mir ausmale, mit meinem Fahrrad und meinem Zelt campen zu fahren, weil ich flüchten möchte, ist das nicht ohne Weiteres möglich: Mein Fahrrad hat einen Tacho. Ohne Zeiger. Man kann niemandem mehr trauen. Vielleicht wird sogar die Klospülung digital in Gang gesetzt. Auch der Weg in die Stadt bleibt mir untersagt, schließlich müsste ich an einer Ampel stehen- und damit Digitales zu mir nehmen. Kein schöner Gedanke. Auch das Zähneputzen fällt aus, dem kleinen Bildschirm sei dank.

Ich habe nur einen Wecker zu Hause. In meinem Handy. Ich gehe also nicht schlafen, sondern warte. Bis zum nächsten Morgen. Kurz nach Mitternacht hat der Albtraum ein Ende. Oder bin ich mitten drin?

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