Michi gefällt kacken– und trotzdem bin gerne ich online

Axel Rühe schreibt 220 Seiten über ein halbes Jahr offline. Ich steuere dagegen und starte das Experiment online. Nicht aus trotz, eher aus Einsicht.

Ich habe 94 Facebook-Freunde und liege damit unter dem Durchschnitt. Dafür habe ich 92 von ihnen persönlich bereits bekannt, ehe ich mich in Facebook angemeldet habe. Als ich mich morgens um sechs einlogge, sind zwei online und das Experiment beginnt: Wie lange kann ich online sein, ohne einen Knacks zu bekommen? Neben mir dampft eine Tasse Kaffee, mein Laptop fährt sich hoch. Ich schaue aus dem Fenster und blicke auf das verschlafene Ulm. Der erste Punkt auf meiner To-Do-Liste lautet: Besuche dasoertliche.de, denke dir einen Namen aus, finde die dazugehörige Adresse und schaue auf bing.com wie die Person lebt. Karl-Hans *** lebt in Hamburg. Genauer gesagt in der Glogauer Straße. **  (übertreiben möchte ich es dann doch nicht) in 22045 Hamburg. Bing.com offenbart mir einen Blick, der im Google-Street-View-Hype unterzugehen scheint: Dreidimensionale Ansicht auf ein Haus mit schwarzem Dach, auf ein schwarz-graues Auto und einem Pool im Garten. Es ist davon auszugehen, dass Karl-Heinz in einer privilegierten Lage lebt – sein Pool ist nicht der einzige in der Nachbarschaft. Auf Xing ist Karl-Heinz Müller nicht, Facebook zeigt mir indes fünf Personen mit diesem Namen. Einer davon sieht wirklich so aus, als hätte er einen Pool im Garten. Ob Herrn Müller gefällt, dass ich das über ihn weiß? Ich kann ihn auf Facebook anschreiben, fragen und hoffen, dass es dieser Herr Müller ist, den ich mir ausgesucht habe. Während ich einen Schluck Kaffee zu mir nehme, lese ich das Michi Kacken gefällt. Das ist mein Kommunikationslevel, aber ich finde es auf eine bemitleidenswerte Weise witzig- und denke darüber nach, meine Freundschaft zu Michi zu beenden. Er würde es gar nicht mitbekommen. Das ist vielleicht moralisch verwerflich, macht mich jedoch zu einem mündigen User. Genauso wie Michi seine Mündigkeit mit Kacken verschenkt. So einfach kann die Welt sein. Und das ist sie tatsächlich. Was über mich im Internet steht und welche Bilder dort von mir zu sehen sind, kann ich beeinflussen. Diese Neuigkeit geht in den Medien, die sich nur all zu gern gegen Facebook und Co. wenden, leider unter. Das Andrea Partybilder von sich online stellt und Sven Bilder seiner letzten Weltreise, haben nur Andrea und Sven zu verantworten. Blöd, wer da die Fähigkeiten des Web 2.0 nicht nutzt und sich nicht als Marke verkauft. Vielleicht ist das eine neu Art der darwinistischen Auslese. Nur eben digital. Um sieben Uhr habe ich stern.de besucht und mir bislang unbekannte Zusammenhänge auf Wikipedia erschlossen, mir angeschaut wie viele Blogbesucher ich habe, einen neuen Blogeintrag geschrieben, Emails gecheckt und beantwortet. Dass ich bloggen kann, finde ich neben der Emailfunktion eine der besten Errungenschaften der Geschichte des Webs. Wer meine Artikel nicht lesen möchte, kann es lassen. Genauso wie ich Brigitte oder Elf Freunde meide. Von einer Überflutung des Webs durch ungefragte Meinungen kann also keine Rede sein. Denn immerhin schadet es der Umwelt und der Gesellschaft weniger, als hunderttausend Auflagen eines Klatschblattes für pupertierende Jugendliche oder wechseljahresbehaftete Frauen abzudrucken, es mit Werbung zu versehen und dann auch noch Geld dafür zu verlangen. Um acht Uhr starte ich meinen Arbeitstag offiziell. Doch dabei kann ich Arbeit von Privatem  nicht mehr richtig auseinanderhalten. Ich schreibe für Magazine und Zeitungen, kann mir meinen Job selbst frei einteilen und arbeite am PC – aus diesem Grund vermische oft Privates mit Geschäftlichen. Das war im Mittelalter auch so. Und es ist wieder vermehrt im Kommen. Feierabende werden flexibel, Freunde helfen auch beruflich aus, erteilen Tipps oder geben Insiderwissen weiter.

To be continued …

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